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Sichtbarkeit in und von Übersetzungen – „Übersetzung ist die radikalste Veränderung und Zerstörung eines Textes“

Gespräch zwischen dem Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker Jan Wilm und Birgit Neumann

Dr. Jan Wilm studierte Anglistik und Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er mit einer Arbeit über den Nobelpreisträger J. M. Coetzee und dessen Slow Philosophy (2016) promovierte. Er ist Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Los Angeles Review of Books und das Times Literary Supplement. Zuletzt erschien von ihm der Roman Winterjahrbuch (2019).

 

BN: Jan Wilm, Sie sind Übersetzer, u.a. von der viel beachteten und ausgezeichneten amerikanischen Schriftstellerin und Kritikerin Maggie Nelson. Ihre deutschen Übersetzungen von The Red Parts (2007; dt. Die roten Stellen) The Argonauts (2015; dt. Die Argonauten, 2017) und Bluets (2009; dt. Bluets, 2018) sind beim renommierten Hanser Berlin Verlag erschienen. Hanser, einer der wenigen noch konzernunabhängigen Verlage in Deutschland, hat sich mit den Publikationen etlicher bedeutender Autor*innen, gerade auch aus dem Ausland, einen Namen gemacht. Mit der Übersetzung von Autor*innen weltliterarischen Ranges setzt der Verlag auch auf die Vermittlung zwischen unterschiedlichen literarischen Kulturen – und sein symbolisches Kapital gründet nicht zuletzt auf dieser Vermittlungsfunktion. Für die Besonderheiten von Übersetzungen erscheint der Verlag allerdings erstaunlich wenig sensibilisiert. Auf den Verlagsseiten werden Nelson und ihr Werk detailreich präsentiert. Sie als Übersetzer hingegen bleiben unerwähnt. Hat die von Lawrence Venuti vor gut 25 Jahren geprägte Formel der Unsichtbarkeit der Übersetzung auch heute noch Gültigkeit?

 

JW: Sie sprechen von der Online-Präsentation des Tochterverlags Hanser Berlin, wo die Übersetzer*innen in der Tat lediglich namentlich genannt werden. Ihre Namen werden auf der Webseite gar in einer solch kleinen Schriftgröße vermerkt, dass es anmutet, man wollte verstecken, dass es sich um einen übersetzten Text handelt, was ja vielleicht auch der Fall ist. Durchs Unsichtbarmachen der Übersetzer*innen ergeben sich für Verlage tatsächlich kapitalistische Vorteile, da die Werbekampagnen ausschließlich auf die schreibende Person konzentriert werden kann. Es ist in vielen Fällen gar nicht gewünscht, dass man als Übersetzer*in selbst als Fürsprecher*in eines übersetzten Werkes auftritt. Die Übersetzer*innen sollen lieber im Hintergrund, im Dunklen bleiben. Allerdings beleuchtet dies mittlerweile sehr überholte Verlagspraktiken (was nicht heißt, dass sie nicht noch vorherrschen), und es drängt sich bisweilen der Eindruck auf, mancher Verlag hat den diskursiven Wandel des literarischen Feldes nicht mitbekommen und handelt noch wie in uralten Zeiten, in denen Übersetzer*innen nicht mal im Buch genannt wurden. Heute findet diese Nichtnennung metaphorischer, symbolischer statt. Die Invisibilisierung der Übersetzer*innen geschieht heute paradoxerweise aber auf sichtbarere Weise. Früher wurden Übersetzer*innen einfach nicht genannt, wenngleich manche besser bezahlt wurden. Heute werden sie genannt, aber an den sonstigen Diskursen über das übersetzte Werk nicht beteiligt, dass es wirkt, als wollte man ihre Unsichtbarkeit zeigen.

Die erfolgreicheren und progressiveren Verlage verfahren mit ihren Übersetzer*innen natürlich ganz anders und erkennen den – um im kapitalistischen Jargon zu bleiben – Mehrwert eines Diskurses über das übersetzte Werk, der auch von den Übersetzer*innen befeuert wird, sei es durch Interviews oder Essays im Printfeuilleton oder in Blogs und sozialen Medien online. Es ist verwunderlich, dass manche Verlagsmenschen etwas länger brauchen, um dies zu verstehen, doch ist dies aus verschiedenen Gründen der Fall. Übersetzer*innen sind zwar auch am ökonomischen Erfolg eines Buches interessiert, so wie Lektor*innen und Verleger*innen, doch die Übersetzerin ist zuallerst die erste und vielleicht die genaueste Leserin des Buches. Diese Sonderstellung sollte man sich zu Nutze machen und sie sollte eine interessierte Leserschaft interessieren.

Es verwundert darüber hinaus, dass Venuti auch nach Jahren noch mit seiner Feststellung rechtbehält, dass die Künstlichkeit, die jeder übersetzte Text darstellt, aus Sicht des literarischen Felds meistens in den Hintergrund treten soll. Venuti bringt den Begriff der fluency, der Flüssigkeit, ins Spiel; im deutschsprachigen Feuilleton wird die Übersetzung meist mit dem Gemeinplatz kongenial abgeparkt und abgehakt, und es wird kein Wort verloren über die Artifizialität einer Übersetzung als verfremdendes, magisches Filtermedium zwischen Leser*in und Originaltext. In ihrer schönen Studie zum Übersetzen This Little Art (2017) beschreibt die Roland Barthes-Übersetzerin Kate Briggs zum Beispiel sehr klug die Fremdheit und die Unheimlichkeit beim Lesen von übersetzter Literatur: Ich lese einen Text in Übersetzung, vielleicht ohne Kenntnis der Originalsprache, und habe dennoch den Eindruck, die Autorin oder den Autor zu lesen, gerade so wie Rilkes Malte meint, nicht nur einen Text, sondern einen Dichter lesen zu können.

Als Übersetzer*in mag man sich dennoch wohlfühlen, unsichtbar zu sein, denn die Unsichtbarkeit bringt ihre eigenen Vorteile mit – allerdings möchte ich eine Unsichtbarkeit aus ethischer Sicht ins Feld führen: Eine Art Diener*in für den Originaltext zu sein, eine Art Sekretär*in zu spielen, das ist eine wunderbare Sache; doch vergessen wir nicht die Dynamiken der Abhängigkeit eines Subjekts (oder in diesem Fall: eines Textes) von seiner Dienerin, von seinem Sekretär. Die Übersetzer*innen dürfen sich für die Unsichtbarkeit entscheiden; Verlage, die ihre Übersetzer*innen unsichtbar machen, sollten die gesamte feurige Inbrunst von Irritation und Indignation ernten, die Unterdrückungssysteme verdient haben. Aus ethischer Sicht und als subjektive Entscheidung der Übersetzer*in ist die Unsichtbarkeit eine akzeptable und mitunter produktive Position; aus verlagspolitischer und ökonomischer Sicht ist sie eine Unverschämtheit.

 

BN: Auch in Rezensionen finden Übersetzer*innen und ihre kreativen Eigenleistungen nur selten Erwähnung; wenn Übersetzungen überhaupt zum Thema werden, dann zumeist im Kontext von sprachlicher Transparenz, Flüssigkeit und Leserfreundlichkeit – Kriterien, die in den Translation Studies zumeist den ‚einbürgernden‘, glättenden und domestizierenden Strategien zugeschlagen werden. Ihnen wird nachgesagt, zur weiteren Invisibilisierung translatorischer Praktiken beizutragen. Welche relevanten Fragen könnten und sollten in Rezensionen gestellt werden, um für die Besonderheiten von Übersetzungen zu sensibilisieren und deren Eigenleistung Rechnung zu tragen?

 

JW: Ungerecht vergröbert gesagt: Dem Feuilleton fehlt heute in erster Linie ein kritisches Lexikon, das Übersetzungen zu umschreiben und analysieren weiß. Doch noch einen Schritt zurückgetreten: Dem Feuilleton in seiner heutigen Ausformung fehlt meist sogar ein kritisches Lexikon, um Literatur im Allgemeinen zu umschreiben und zu analysieren, so dass die Untergrabung der Übersetzung – nichts anderes ist die Nicht-Erwähnung oder Nicht-Beachtung der übersetzerischen Tätigkeit – alles andere als verwunderlich ist. Die Kritik im Feuilleton ist tot, weil das Feuilleton tot ist; je früher dies anerkannt und akzeptiert wird, desto früher können sich Kritik und Feuilleton erneuern. Desto früher kann das Feuilleton auch akzeptieren und anerkennen, dass sich Übersetzungspraktiken in den letzten dreißig Jahren enorm verändert und der Status von Übersetzer*innen im literarischen Feld enorm gewandelt haben. Eine Rezension, die heute zum Beispiel die Übersetzerin eines Textes nicht erwähnt, genügt nicht einmal den Minimalanforderung einer Kritik.

Die Redaktionen sind ausgejätet, viele Feuilletons durchlaufen noch immer einen Durchlöcherungsprozess der intellektuellen Entplombung, vor allem durch die nahezu kafkaesk anmutende extrakurrikulare Erwartungshaltung an Journalist*innen. Den Kritiker*innen fehlt es in erster Linie an Zeit, an Zeit zum Lesen und an Zeit zum Denken. Es ist nicht außergewöhnlich, dass Journalist*innen englischsprachige Bücher, die sie besprechen, ausschließlich im Original lesen und keine Zeit investieren, um außer fürs Zitieren in die Übersetzung zu schauen.

Hinzu kommt, dass Rezensionen im Printmedium Zeitung seit langer Zeit als zu textlastig empfunden werden (selbst wenn die Rezensionen online stehen), und so schmilzt die Sprachmasse von Kritiken mehr und mehr – während auch die Feuilletons selbst verkleinert werden, zum Beispiel, um mehr Platz für Lifestyle zu machen. Es bleibt häufig einfach kein Platz im Text, um auf die Eigenheiten einer Übersetzung einzugehen, um nicht nur den sprachlichen Wandel, sondern auch die kulturelle und symbolische Übersetzungsarbeit zu beachten, geschweige denn zu untersuchen. Zeit ist also Raum.

Weil Zeit aber auch Geld ist: Die Redakteur*innen, besonders die freischaffenden, werden mittlerweile so schlecht bezahlt, dass ihre Arbeit nicht nur ökonomisch, sondern auch symbolisch in jeder Hinsicht entwertet wird. Freischaffende Kritiker*innen können nicht mehr ausschließlich von ihrer Schreibarbeit leben, wodurch die schriftlich verfassten Kritiken immer schlechter, immer wertloser werden. Der Schreibmuskel wird nicht trainiert, der Lesemuskel atrophiert, die interpretativen Drüsen sterben ab. So befinden wir uns derzeit in einer Situation, in der die Feuilletons zwar noch existieren, aber mehr einem Leichenschauhaus ähneln als einem Ort des vitalen Austauschs, in dem das Denken trainiert werden kann. Im deutschsprachigen Raum wurzelt dies meines Erachtens auch in einer noch immer spitzfingrigen Umgangsweise mit Gegenwartsliteratur. Der übersetzte Klassiker darf als übersetztes Werk betrachtet werden, der zeitgenössische Debütroman einer schottischen Lyrikerin wird jedoch meist nicht als übersetztes Werk wahrgenommen oder wertgeschätzt.

Um adäquat mit der Arbeit des Übersetzens auch im Feuilleton-Kontext umgehen zu können, wäre es notwendig, im deutschsprachigen Raum ein Book Review zu etablieren, einen Denkraum, in dem unter akzeptabler Bezahlung Lese-, Denk- und Arbeitszeit investiert werden könnte, um analytische, gründliche, vergleichende Lektüren eines Werkes zu produzieren. Besonders im englischsprachigen Raum bieten Publikationen wie die New York Review of Books, die London Review of Books, das Times Literary Supplement, n+1, aber auch die größtenteils online publizierte Los Angeles Review of Books oder das Magazin Music & Literature durchaus Raum für Lektüren von übersetzter Literatur, die der Arbeit der Autor*innen wie der Übersetzer*innen auf intellektuell anspruchsvolle Weise Rechnung tragen – auch wenn die Bezahlung der letzten beiden Publikationsorgane aufgrund von Unterfinanzierung ebenfalls allenfalls als symbolisch angesehen werden darf.

Nur einmal auf Deutschland fokussiert: Dass etwas Ähnliches in Deutschland nicht existiert, ist im Großen und Ganzen beschämend, besonders wenn man sich vor Augen führt, dass der deutsche Buchmarkt Jahr für Jahr enorme Massen an übersetzter Literatur produziert und publiziert und einige Übersetzer*innen wie Susanne Lange oder Ulrich Blumenbach bisweilen ein faszinierenderes, erfinderischeres Deutsch schreiben als originär deutschsprachige Autor*innen.

 

BN: In den Translation Studies herrscht mittlerweile weitgehend Einigkeit darüber, dass Übersetzungen kreative und transformative Prozesse sind – und eben keine glatte Übertragung eines mobilen Guts von einem Ufer zum anderen. Einst gültige Ideale von Äquivalenz und Treue sind Konzepten von Alterität, Differenzverhandlung und ‚Äquivalenz ohne Identität‘ (Paul Ricœur) gewichen. Einige Kritiker*innen betrachten Übersetzungen sogar als eine Form des creative rewriting, des kreativen Neu- und Umschreibens. Welche Freiheiten bieten Übersetzungen, um allzu eingeschliffene sprachliche Muster und deren epistemische Einschreibungen an ihre Grenzen stoßen und sichtbar werden zu lassen?

 

JW: Philosophisch betrachtet ist die Übersetzung unter anderem ein Medium der ästhetischen Erneuerung der Zielsprache, da permanent die Möglichkeit besteht, die Zielsprache durch die Fremdheit und Andersartigkeit der Ausgangssprache zu befeuern, zu bereichern und beleben. Die wenigsten Übersetzer*innen machen sich dieses Potenzial bewusst und zu Nutzen. Doch auch hier sind nicht immer die Übersetzer*innen die Hemmschuhe, sondern die verkrusteten Verlagspraktiken und fossilisierte (angenommene) Erwartungshaltungen des Literaturmarktes. Übersetzer*innen sind Schreibende mit mehrsprachigen Zungen, und dort wo die Fremdheit der Übersetzung zu Tage tritt, beginnt der übersetzte Text zu leben. Übersetzer*innen sollten sich immer die Freiheit nehmen können, im Rahmen des Originals, die Zielsprache zu dehnen oder zu brechen. Weil es vermeintlich selbstverständlich ist, lohnt es einmal wieder gesagt zu werden: Eine Übersetzung ist die radikalste Veränderung und Zerstörung eines Textes, die sprachlich möglich ist. Jede Übersetzung ist eine Dekonstruktion. Man sollte sich nicht scheuen, diese Dekonstruktion zur Schau zu stellen und daraus ein Spiel zu machen. Sprache lebt nur dann, wenn ihre kristallinen Strukturen immer wieder abgeschliffen und durchbohrt werden.

 

BN: Sie übersetzen gerade den theoretisch radikalen, politisch irritierenden und sprachlich extrem vielschichtigen Text Afropessimism (2020) von Frank B. Wilderson III. Die Sprache des Textes ist gleichermaßen politisch wie affektiv aufgeladen, fast so, als wolle sie sich für alle die Erniedrigungen, die African Americans seit jeher erdulden mussten, rächen. Dabei ist sie zugleich fest eingebunden in afro-amerikanische Kulturen und entfaltet einen erheblichen Teil ihrer Bedeutungsdimensionen in entsprechenden lokal situierten Kontexten. Der Text, der auf verschiedenen Ebenen festgezurrte Grenzen überschreitet, ist durchzogen von untranslatables, unübersetzbaren Begriffen. Begriffe wie „Negro“, „Blackness“, „Slaveness“ sowie Sprachvariationen, die dem Black American English zuzurechnen sind, reisen nur mit erheblichen Verlusten in andere, sprachliche und kulturelle Kontexte. Wie gehen Sie mit solchen untranslatables um; welche Chance zur sprachlichen Erneuerung bieten sie?

 

JW: Da ich in mehreren Sprachen lebe, bin ich immer sehr für Kreuzbestäubungen zwischen verschiedenen Lexika und Registern. Als historisch gewachsene Konstrukte sind Sprachen nach meiner Auffassung das Gegenteil von irgendwelcher Reinheit. Ein Blick ins kluge etymologische Wörterbuch eröffnet die Schatztruhe der sprachlichen Migrationen, der kulturellen Mischungen. Auch aus diesem Grund votiere ich immer für Lehnwörter wie die von Ihnen angesprochenen Begriffe, die entweder gut eingeführt sind oder endlich eingeführt werden sollten.

Ich beobachte einen seltsamen Konservatismus in Verlagshäusern, gelegentlich selbst in den progressivsten, und dieser Konservatismus äußert sich mitunter in Reinheitsfantasien, in der Illusion von Purismus. Eine Lektorin schrieb mir einmal als Kommentar neben einen von mir übersetzten Satz: Unsicher, wie wir das formulieren sollen, dass es nach echter Sprache klingt. Was echte Sprache ist, weiß ich bis heute noch nicht, aber in dieser gedanklich und stilistisch verarmten Äußerung wird die (illusionäre) Fetischisierung eines Reinheitsideals deutlich, und dass sich die Lektorin – hierarchisch niedriger angesiedelt als die Autorin, aber höher angesiedelt als der Übersetzer – als Fackelträgerin der echten Sprache sieht. Als Übersetzer*in muss man jedoch manchmal das Löschwasser sein, das diese Fackel im Dienste des Textes und der Sprache erstickt. Oder unreiner gesagt: Übersetzend muss man die Pisse am Morgen nach dem Campingurlaub sein, mit der man die schwelende Glut jenes Ortes löscht, den man hinter sich lässt.

Aber meinen Sie nicht, es sollte schon jedes Wort übersetzt werden?, schrieb mir dieselbe Lektorin, als ich den Begriff flirten verwendete – nicht gerade das fremdeste Wörtchen in German, n’est-ce-pas? Noch einmal, gerade aus diesen Gründen sollte man Lehnwörter immer wieder erproben und verteidigen. Manchen Übersetzer*innen wird vorgeworfen, sie läsen nur noch in der Ausgangssprache und verlören den Kontakt zur Zielsprache – was ich nicht auf diese apodiktische Weise ausschließlich als Negativum betrachten würde, aber das steht auf einem anderen Blatt –; doch man sollte einigen Lektor*innen ankreiden, sie lesen überhaupt nicht in den Ausgangssprachen, mit denen sie arbeiten. Aufgrund der institutionellen Gegebenheiten der Verlagswelt ist dies häufig gar nicht möglich; problematisch ist es dennoch.

Was ich zuvor über die Feuilletons sagte, gilt in ähnlicher Hinsicht für die Verlagsarbeit. Die erwähnte Lektorin sah ihren Selbstzweck in der gehetzten Mühle des Verlages darin erschöpft, nach „Fehlern“ in der Übersetzung zu suchen und manchmal lediglich drei Fragezeichen in einen Randkommentar zu setzen, anstatt konstruktiv in und mit der Sprache des Textes und der Übersetzung zu denken. Obschon (frei nach Andreas Reckwitz) das Kreativitätsdispositiv heutzutage die Musik macht, wird nach meiner Erfahrung die Kreativität und der Eigensinn der Übersetzer*innen abgedämpft oder einfach herauslektoriert, so dass viele Übersetzungen großartiger Sprachkunstwerke in der neuen Sprache etwas von der Langeweile und der Zähigkeit von vertrocknetem Käse besitzen.

Doch vielleicht liegt es auch an mir. Vielleicht liegt es an meiner störrischen Insistenz, Fremdheit und Durchmischung zu zelebrieren und Glättung und Flüssigkeit zu schmähen. Vielleich lese ich ja auch zu viel nicht-Deutschsprachiges und meinem Deutsch fehlt es an lexikalischer wie semantischer Erfindungs-Opulenz, und meine grantelbärtige Irritation über gängige Verlagspraktiken ist nichts als ein Symptom meiner Erfolglosigkeit. Könnte doch sein. Man wird abwarten müssen.

Jedenfalls: Je weniger unübersetzbare Partikel, je weniger Lehnwörter, je weniger Neologismen meine übersetzten Arbeiten aufweisen, desto mehr wird darauf hindeuten, dass ich für Kreativität, Erneuerung und Dekonstruktion durch die Übersetzung zwar gekämpft, jedoch gegen die Verlage und ihre Apparatschiks verloren habe. Die Verlage – meine Windmühlen. Doch wie dem alten Mann aus La Mancha macht mir der Kampf natürlich enormen Spaß.

 

BN: Übersetzer*innen genießen im Großen und Ganzen keinen guten Ruf; sie stehen seit jeher im Verdacht zu verfälschen, zu betrügen und zu manipulieren. Übersetzungen wiederum gelten allenfalls als sekundäre, derivative Praxis, als Supplement im Sinne Jacques Derridas, die dem sog. Original weit unterlegen ist. Venuti spricht Übersetzungen gar eine gewaltsame Dimension zu, da sie oftmals darauf angelegt seien, Fremdes zu glätten und eigenen Sinnsystemen unterzuordnen. Der Komparatist und Historiker Naoki Sakai wiederum stellt das konnektive, entgrenzende Potential von Übersetzungen in Frage und behauptet stattdessen, dass sie aus historischer Perspektive oftmals allererst dazu beigetragen hätten, eben jene Grenzen von Sprachen zu ziehen. Umso mehr stellen sich in den Translation Studies Fragen nicht nur nach Übersetzungspoetiken und -politiken, sondern auch nach der Ethik der Übersetzung. Haben Sie eine Ethik der Übersetzung (und welche Rolle spielen Vorgaben und Erwartungen von Verlagen in deren Umsetzung)?

 

JW: Die Ethik der Übersetzung lautet: Ich arbeite nicht für Verlage, sondern für Texte, für die Schreibenden, die ihre Lebenszeit, ihren Schmerz, ihre Erfahrung, ihre Liebe, ihr Leben zu Sprache werden ließen. Ich habe Übersetzungsaufträge verloren, weil ich für den Text gehandelt habe, anstatt für die Empfindlichkeiten von Verlagsleuten, und das trage ich wie ein Ehrenabzeichen am zerschlissenen Revers meines Mantels der literarischen Wertschätzung. Meine eigenen Befindlichkeiten – sowie meine ökonomische Absicherung, meine Lebenszeit etc. – zählen nichts. Es zählt nur der Text, der Ausgangstext wie der Zieltext, der meine Übersetzung darstellt; und die Sprache, die Originalsprache wie die Neusprache, die meine Übersetzung darstellt. Die Ethik der Übersetzung ist die möglichst genaue Lektüre und die möglichst kreative Bearbeitung in die Zielsprache hinein. Zwischen diesen zwei Rahmen entsteht Literatur.

 

 

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